Cyanotypie auf Leinwand

Neue und alte Techniken der Radierung und Edeldruckverfahren

- ein alchemistisches Online-Werkstattbuch (auch ▶ als Buch in der "extended version 2010" (232 Seiten A4, 6.Auflage) erhältlich)
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Nachdem sich meine Versuche mit Cyanotypien auf Leinwand difficiler darstellen als gedacht, fasse ich die Versuche, Irrtümer und Ergebnisse hier zusammen:
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A) Beschichten von Stoffen und Leinwand

Es ist für alle Beschichtungsarten empfehlenswert, das Tuch zunächst mit Wasser anzufeuchten, da es sonst punktuell zu viel Cyanotypielösung ’saugt‘, die anschließend doch nur wieder ausgewaschen wird und die Gewässer verunreinigt. Ziel muss sein, so sparsam wie möglich (mit so wenig Chemie wie möglich) zu beschichten.
Beschichtet wird stets nur im Halbdunkel – seitliche Glühlampenbeleuchtung ist unschädlich
Gekaufte Leinwand funktioniert nicht. Die Beschichtung enthält Kalk, der das Berliner Blau wieder zerstört. Auch der Versuch, ein Tuch über die Leinwand zu spannen, zu belichten und zu wässern ist misslungen – das Bild ist ausgebleicht – auch hier war vermutlich der durchschlagende Kalk die Ursache. Stoffe mit einem Kunstfaseranteil über 20% sind untauglich, da sie sich mit wasserlöslichen Stoffen nicht färben lassen. Reine, ungefärbte Baumwolle, Leinen oder Nessel sind geeignet.

Maßnahme: Eine unbehandeltes Tuch separat belichten, die Leinwand vollständig vom Rahmen entfernen, mit der beschichteten Cyanotypie (bzw. dem unbehandelten Stoff) neu bespannen. Tackern.

1.) Beschichten mit Pinsel
Möglich, aber nicht sehr effektiv. In der Mitte der Pinselspur wird stets mehr Cyanotypielösung abgegeben als am Rand.
2.) Beschichten mit Schwamm
Funktioniert – dazu verspanne ich das Tuch auf einer Kunststoffplatte (wie sie z.B. von großen Möbelhäusern als Bodenschutz für Bürostühle angeboten wird) Dadurch ist gleichzeitig der Boden vor den Einfärben geschützt.
3.) Beschichten mit Sprühflasche
Ob man das tut, sollte man mit sich selbst ausmachen – schließlich zerstäubt man dabei Chemikalien in die Raumluft. Ich verwende einen Mundschutz, eine Schürze und Handschuhe sowie eine Sprühflasche, die mehr spritzt als nebelt. Damit klappt die Präparation sehr gut.
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B) Großformat belichten

1.) Mit Beamer (funktioniert leider nicht – UV-Anteil zu gering)
2.) Mit Tageslichtprojektor (Belichtungszeit 2-5 Stunden, je nach Abstand)
3.) Im Kontakt in der Sonne – 10-15 Minuten
Funktioniert hat Folgendes: Von einem großen Bilderrahmen die PVC-Platte verwendet und darauf Schrift, Ausdrucke auf Tintenstrahlfolie, Geschriebenes mit Edding auf Geschenkfolie und in Laminiertaschen eingeschweißte Pflanzenteile kombiniert.
4.) Mit Schablone und Gesichtsbräuner. (Belichtungszeit abschnittsweise je 15 Minuten, Abstand 2 Meter)
Für eine Fahne, die als Banner der Schulkunstausstellung dient, habe ich ein Baumwolltuch (1,50 x 6 Meter) verwendet. Die Appretur vorher in der Waschmaschine bei 60° ausgewaschen und zweimal gespült, feucht geschleudert. Im Keller an einer Wäscheleine aufgehängt und mit der Sprühflasche beschichtet. (Boden abdecken, Mundschutz, Schürze!) Aus Packpapier Schriftschablonen geschnitten und mit Nadeln befestigt. Dann abschnittsweise mit einem UV-Gesichtsbräuner beschichtet. Beim Trödler hatte ich dazu ein älteres Modell mit Bogenlampe – keine Röhren! – erworben. Das Auswaschen erfolgte in einer großen Plastikbox mit kaltem Wasser. Dem ersten Spülgang hatte ich ca. 20ml Wasserstoffperoxid zugegeben. Die Färbung war zunächst dunkelblau – über Nacht bleichte das Ganze zu hellblau aus. Wie dabei die hellen Schleier an den Buchstaben entstanden sind, die wie Schatten wirken, ist mir schleierhaft… Vermutlich kommt das vom Auswaschen – ich hatte die Stoffbahn mehrmals in der Querrichtung aus dem Waschzuber herausgehoben – dabei muss die unbelichtete Chemikalie über die belichteten Teile gelaufen sein und dort nochmals reagiert haben – anders kann ich es mir nicht erklären. Schaut aber gut aus – ist ein netter, zufällig entstandener Effekt.

Das nächste Mal werde ich die Fahne von beiden Seiten beschichten – und auch von beiden Seiten belichten. Die Schablonen kann man passgenau auf der Rückseite nochmals befestigen.
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Fahne für die Schulkunst-Ausstellung in der Städtischen Galerie Albstadt (120 x 560cm), eigene Arbeit © Wolfgang Autenrieth 2014

BTW:

Die Städtische Galerie Albstadt beherbergt eine große und interessante Sammlung von Radierungen, Holzschnitten und Lithografien des Expressionismus.
„Ein besonderer Stellenwert kommt den rund 450 Werken von Otto Dix (1891-1969) zu, einem der größten Bestände mit Arbeiten auf Papier von Dix weltweit.
Daneben sind es Blätter expressionistischer Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Beckmann, die im Zentrum der Sammlung stehen. Der große Anteil Dresdner Kunst vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ist eine weitere Besonderheit der Albstädter Sammlung.
Eine ganze Reihe von Künstlern ist durch umfangreiche Konvolute (zum Teil Stiftungen der Künstler) vertreten, darunter Karl Caspar, Wolfgang Gäfgen, Ludwig von Hofmann, Felix Hollenberg, Jürgen Palmtag, Karl Rössing, Max Uhlig und Detlef Willand.“ (http://www.albstadt.de/staedtische-galerie)
Anschaun!
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C) Großformat entwickeln (wässern)
  • Ein altes Leintuch mit Reißnägeln an zwei Latten verspannt und mit einem Schwämmchen imprägniert – mühsamst! Getrocknet und am nächsten Tag mit Schülern auf den Boden vor der Schule gelegt, ein Fahrrad aufgelegt und 5 Minuten bei voller Sonne das Schattenbild belichtet (war etwas zu kurz, daher ist das Bild hellblau). Danach mehrfach in Wasser ausgewaschen, bis keine Gelbfärbung im Spülwasser mehr zu sehen war. In Wasserstoffperoxidlösung verstärkt, ausgewrungen, die Wasserstoffperoxidlösung wieder in die Flasche zurückgegeben, nochmals ausgewaschen und getrocknet. Der Schatten hat etwas Licht abbekommen und steht hellblau vor mittelblau. Der nicht imprägnierte Rahmen ist weiß.
  • Belichtung auf Billig-Leinwand: Leinwand zuvor gut abgeschrubbt, um die Imprägnierung und die Kalkung auszuwaschen. Wird sehr blass – die Cyanotypie-Lösung mag keinen Kalk.

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Fahrrad auf Cyanotypietuch als Schattenbild, eigene Arbeit / Unterrichtsergebnis © Wolfgang Autenrieth 2013

D) Großformat mit Folienbelichtung

Mit Edding auf klare Geschenk-Folie zeichnen. Es können mehrere Folien übereinander gelegt und zeitversetzt belichtet werden.
Großformatige „Grauwertauszüge“ (50×70) hergestellt
Ablauf:

  • Eine Leinwand auf die Staffelei gestellt und klare Geschenk-Einwickelfolie darüber gespannt – auf der Rückseite mit Tesa festgeklebt.
  • Mit dem Diaprojektor ein Bild aufprojiziert und mit schwarzem Edding die hellsten Bereiche übermalt.
  • Nächste Lage Einwickelfolie darüber befestigt
  • Nächstdunklere Graustufe mit Edding ausgemalt
  • … und so 5 Folien (später mal Grau-Blau-Stufen) hergestellt.

Das Ganze mit Sonnenlicht auf einen cyanotypie-beschichteten Stoff als Stufenbelichtung aufbelichtet. Ich beschichte nicht auf Fertig-Leinwand, weil die meist kalkhaltig beschichtet ist und Cyanotypie keinen Kalk mag… außerdem kann man ein nicht aufgezogenes Stofftuch im Wassereimer viel leichter auswaschen…
Blume_1Folienbelichtung auf Leinwand, eigene Arbeit © Wolfgang Autenrieth 2013

Erstes Ergebnis der Folienbelichtung – 4 Folien. Belichtungsmesser zeigt für 24 ASA einen Lichtwert von 16 im Sonnenlicht. Grundbelichtung 3 Minuten, erste Folie umgeschlagen, 1,5 Minuten, zweite Folie umgeschlagen 2 Minuten, dritte Folie umgeschlagen, 1,5 Minuten. Gesamtbelichtungszeiten damit: 8 Minuten – 6,5 Minuten – 4,5 Minuten – 3 Minuten.

Blume_2Folienbelichtung auf Leinwand, eigene Arbeit © Wolfgang Autenrieth 2013

Zweites Ergebnis der Folienbelichtung – 4 Folien. Belichtungsmesser zeigt für 24 ASA einen Lichtwert von 16 im Sonnenlicht. Grundbelichtung 6 Minuten, erste Folie umgeschlagen, 1,25 Minuten, zweite Folie umgeschlagen 1,25 Minuten, dritte Folie umgeschlagen, 1 Minuten. Gesamtbelichtungszeiten damit: 9,5 Minuten – 8,25 Minuten – 7 Minuten – 6 Minuten.
Das Ganze fällt seltsamerweise grauer aus als die erste Belichtung. Entweder war hier weniger Cyanotypielösung auf dem Tuch – oder ich habe die Beschichtungsseite verwechselt. Wenn man ein Tuch beschichtet, ist nach dem Trocknen schlecht erkennbar, welche Seite beschichtet wurde. Werde ich in Zukunft kennzeichnen.

Zu beachten:
Kalk fernhalten – den Stoff anschließend nicht mit phosphathaltigen Waschmitteln waschen! Kalk und Phosphat zersetzen das Berliner Blau.

Weitere Informationen zu Techniken der Cyanotypie:
wp.radiertechniken.de/edeldruckverfahren-iii/cyanotypie/

Hatte ich erwähnt, dass Kalk schädlich ist? … 😉

Bezugsmöglichkeiten



Mein alchemistisches Werkstattbuch für Künstler, Drucker & Photographen
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Hier sehen Sie nur das Ur-Manuskript aus dem Jahr 1997
- das Buch ist in der 6. überarbeiteten und illustrierten Auflage 2010 erhältlich. 232 Seiten A4, mit umfangreichem Chemikalien- und Literaturverzeichnis

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Vom Hexenmehl und Drachenblut zur Fotopolymerschicht
Tipps, Tricks, Anleitungen und Rezepturen aus fünf Jahrhunderten
erfahren, erlesen, erfunden und gesammelt von Wolfgang Autenrieth
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