Die Chromolithographie für Ansichtskarten

Die Herstellung farbiger Ansichtskarten um 1900 basierte auf der Chromolithographie (Farbdruck vom Stein) oder auf dem präziseren und aufwändigeren Lichtdruckverfahren. Die Chromolithographie war ein Flachdruckverfahren und nutzte das chemische Prinzip, dass sich Fett und Wasser abstoßen. Der Prozess war handwerklich extrem anspruchsvoll, da für jede einzelne Farbe ein eigener Solnhofener Plattenkalkstein präpariert und gedruckt werden musste. Dieses Druckverfahren war der Vorläufer des heute gebräuchlichen Offsetdrucks, bei dem statt der Steinplatten, dünne Metallplatten aus Aluminium verwendet werden.

Das Lichtdruckverfahren nutzte Glasplatten, die mit Chromgelatine beschichtet waren und das ebenfalls auf dem Prinzip der Wasser- und Fettabstoßung beruhte. Den Verfahrensablauf dafür habe ich im ➥ Kapitel Lichtdruckverfahren näher beschrieben.

Ansichtskarte von Mühlheim an der Donau um 1910
Ansichtskarte von Mühlheim an der Donau um 1910, Photo-Lichtdruck von Glasplatte

Herstellungsablauf einer Ansichtskarte

  1. Entwurf und Vorlage
    Ein Künstler erstellte ein farbiges Originalbild (oft ein Aquarell, eine Zeichnung oder eine handkolorierte Schwarz-Weiß-Fotografie) als Vorlage für die Ansichtskarte.
  2. Farbtrennung und Konturenzeichnung
    Der Chromolithograph zerlegte das Motiv per Augenschein in seine Einzelfarben (oft 8 bis 16 verschiedene Farbtöne – mit entsprechend vielen Druckvorgängen). Zunächst wurde eine feine Konturenzeichnung auf eine transparente Folie geritzt oder auf einen ersten Stein übertragen.
  3. Schleifen der Lithographiensteine
    Für jede geplante Farbe wurde ein separater, bis zu 10 cm dicker Kalkstein aus ➥ Solnhofener Schiefer plangeschliffen. Die Oberfläche wurde je nach gewünschtem Effektraster poliert oder gekörnt.
  4. Zeichnen auf den Steinen
    Der Lithograph zeichnete mit fett- und ölhaltiger Litho-Tusche oder Kreide den jeweiligen Farbanteil seitenverkehrt auf den entsprechenden Stein. Sehr feine Verläufe wurden getupft oder geschummert.
  5. Ätzen und Fixieren
    Nun wurde der Stein mit einer Mischung aus Salpetersäure und Gummi arabicum behandelt. Die bemalten, fetthaltigen Stellen wurden fettfreundlich (farbanziehend/lipophil), während die unbemalten Stellen wasserfreundlich (farbabstoßend/lipophob) wurden.
  6. Farbdruck im Passersystem
    In der Schnellpresse wird der Stein mit Wasser befeuchtet und mit ölbasierter Druckfarbe eingefärbt. Die Farbe haftet dabei nur an den fettigen Zeichnungsstellen. Für jede Farbe musste der Karton nun nacheinander über alle Steine gedruckt. Präzise Passmarken garantierten, dass die Farbschichten punktgenau übereinanderlagen.
  7. Endverarbeitung
    Nach dem Trocknen aller Farbschichten wurden die großformatigen Druckbögen auf das Standardformat der Ansichtskarten zugeschnitten, verpackt und ausgeliefert.
Chromolithographie: Blick auf Messkirch mit Kirche und Schloss 1912
Blick auf Messkirch mit Kirche und Schloss 1912. Hier sind die Colorierungen noch deutlicher zu sehen als am oben abgebildeten Beispiel.

 

Die Lithographen-Werkstatt

Blick in eine Lithographie-Werkstatt der Jahrhundertwende 1900.
Blick in eine Lithographie-Werkstatt der Jahrhundertwende 1900.

 

Die „Ansichtskarten-Industrie“ der Jahrhundertwende 1900

Um die Jahrhundertwende (1900) erlebten Lithographische Kunstdruckanstalten und ➥ Lichtdruckanstalten ihre Blütezeit. Sie versorgten das Kaiserreich mit Farblithografien, Jugendstil-Plakaten, illustrierten Büchern, Kunstblättern und Postkarten. Um solche industriellen Massendrucke in höchster Detailtreue herzustellen, vereinten diese Graphischen Kunstanstalten hochspezialisierte handwerkliche, fototechnische und mechanische Abteilungen.

  1. Entwurfs- und Kunst-Atelier
    Der Produktionsprozess begann im Atelier. Hier arbeiteten fest angestellte oder freie Zeichner, Illustratoren und Grafiker.

    • Aufgaben: Entwerfen von Vorlagen (Plakate, Etiketten, Notenblätter, Reproduktionen von Ölgemälden).
    • Besonderheit: Die Künstler mussten nicht nur die ästhetischen Trends der Zeit (wie den Jugendstil) beherrschen, sondern auch die technischen Einschränkungen des Farbdrucks verstehen.
  2. Photographisches Atelier (Reproduktionstechnik)
    Um 1900 war die Fotografie bereits fester Bestandteil der Druckvorbereitung. Das Foto-Atelier nutzte riesige Repro-Kameras zur Belichtung von Glasnegativen.

    • Beim Lichtdruck: Herstellung des Halbton-Glasnegativs ohne Rasterpunkte. Der Lichtdruck war das erste Verfahren, das echte Halbtöne gedruckt abbilden konnte.
    • Bei der Lithografie: Fotografische Übertragung von Entwürfen auf den Stein (Fotolithografie), was den Zeichnern langwieriges manuelles Übertragen ersparte.
  3. Lithografen-Werkstatt (Steinzeichnung & Kopie)
    Das Herzstück der lithographischen Fertigung. Hier arbeiteten Meister, Zeichner und Chromolithografen.

    • Stein-Präparation: Lehrlinge und Hilfsarbeiter schabten, schliffen und körnten die zentnerschweren Solnhofener Kalkschieferplatten mit Sand und Wasser ebenmäßig glatt.
    • Chromolithografie (Farbdruck): Für ein einziges Farbbild mussten oft 8 bis 16 separate Steine für jede einzelne Farbe seitenverkehrt gezeichnet oder graviert werden.
    • Kompression & Umdruck: Übertragung von Kreide- oder Federzeichnungen auf den Druckstein (mittels Umdruckpapier).
  4. Lichtdruck-Präparation (Gelatine-Labor)
    Im Lichtdruck (Collotypie) dienten keine Steine, sondern gelatinebeschichtete Glasplatten als Druckform.

    • Kollodium- & Gelatineguss: Dicke Glasplatten wurden mit einer lichtempfindlichen Schicht aus Gelatine und Kaliumdichromat gegossen.
    • Trocken- und Einbrennofen: Bei exakt geregelten Temperaturen wurden die Platten getrocknet. Dabei entstand das charakteristische mikroskopische Gelatine-Runzelkorn, das für die weichen Farbverläufe verantwortlich war.
    • Kopie/Belichtung: Belichtung der Gelatineplatte unter dem fotografischen Glasnegativ im Kopiervahmen mittels Tageslicht oder Kohlebogenlampen.
  5. Drucksaal (Maschinenhallen)
    Hier befanden sich die schweren Druckmaschinen. Die Arbeit hallte vom Rattern der Dampfmaschinen oder der ersten Elektromotoren wider.

    • Steindrucksaal: Handpressen für Probeabzüge sowie moderne Schnellpressen. Der Stein musste bei jedem Druckgang automatisch befeuchtet und eingefärbt werden.
    • Lichtdrucksaal: Spezial-Lichtdruckschnellpressen. Hier herrschte kühles, feuchtes Klima, damit die Gelatineschicht auf der Glasplatte nicht austrocknete.
  6. Farblager und Mischerei
    Der Chromatendruck erforderte exakte Pigmentabstimmungen.

    • Rezeptierung: Mischen von Druckfarben auf Öl- und Firnisbasis für jeden einzelnen Druckdurchgang.
    • Walzenpflege: Herstellen und Einstellen der Leder- und Gelatinewalzen für die gleichmäßige Farbverteilung auf Stein und Glas.
  7. Weiterverarbeitung & Buchbinderei
    Nach dem Druck gelangten die Bogen in die Weiterverarbeitung:

    • Trockenschuppen: Da Litho- und Lichtdruckfarben langsam trockneten, wurden die Bögen in großen Regalsystemen aufgehängt.
    • Schneiden & Stanzen: Zuschneiden von Bögen, Stanzen von Postkarten, Etiketten oder Verpackungen.
    • Prägen & Lasieren: Aufbringen von Goldfolien-, Blind- oder Reliefprägungen (z. B. für Luxus-Urkunden und Konfektionsschachteln) oder Firmenlacken.
  8. Kaufmännisches Büro & Expedition
    • Verwaltung: Auftragsannahme, Kalkulation, Buchhaltung und Korrespondenz.
    • Verpackung & Versand (Expedition): Sicherer Transport der empfindlichen Papierwaren, Druckplatten und Steinmagazine per Post, Eisenbahn oder Kutsche.

 

Anmerkung

Diese Informationen für diesen Text wurden mit Hilfe von KI erstellt, von mir umformuliert und ergänzt.