Radieren in Schule und Hochschule
Die Radierung gehört als Tiefdruckverfahren zu den faszinierendsten, aber auch anspruchsvollsten Techniken im Kunstunterricht. Während der Hochdruck (wie der Linolschnitt) meist auf Flächen setzt, erlaubt die Radierung eine feine, zeichnerische Linienführung. Damit das Projekt im Schulalltag gelingt, müssen Lehrkräfte jedoch spezifische organisatorische, technische und gestalterische Aspekte berücksichtigen. Radierung im Kunstunterricht der Schule also zu aufwändig? Nicht organisierbar?
Die Problematik der Radierdruckpresse
An vielen Schulen stehen Radierdruckpressen ungenutzt im Keller, weil KuK den zeitlichen Aufwand und Probleme bei der Unterrichtsorganisation fürchten. Und dann sind die Pressen angerostet, schwergängig, die Filze zerfressen – womit erst Recht keiner mehr damit arbeiten möchte. Dabei wurden die Radierpressen irgendwann für teures Geld angeschafft. Teuer, weil es sich um Präzisionsmaschinen handelt. Andererseits sind es rein mechanische Geräte. Ein guter Metall verarbeitender Betrieb vor Ort, der eine große Drehbank besitzt, kann die Walzen abdrehen, die Mechanik schmieren und von Rost befreien. Dann kann die Radierdruckpresse wieder in Einsatz kommen – oder erhält einen Platz im Schaukasten.
Materialwahl und Sicherheit
Im schulischen Kontext wird aus Sicherheits- und Gesundheitsgründen fast ausschließlich die Kaltnadelradierung angewendet. Das Ätzen mit Säuren ist aufgrund der Chemikalien und Dämpfe in der Schule kaum umsetzbar.
Für den Einstieg eignen sich Matrizen aus Tetrapak oder durchsichtigem Acrylglas (Plexiglas)deutlich besser als klassische Zink- oder Kupferplatten. Durchsichtige Acrylplatten ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, eine Vorzeichnung einfach unterzulegen und nachzuritzen. Zudem vermindert der Verzicht auf harte Metallplatten die Verletzungsgefahr durch abrutschende Radiernadeln erheblich.
Die Tiefdrucktechnik ist jedoch (nicht nur) für Schüler faszinierend und mit einfachen Mitteln durchführbar – wie erwähnt durch ➥Verwendung von Kunststoffplatten. Hier kommen Schüler schnell zu erstaunlichen Ergebnissen. Die Möglichkeit, auf der transparenten Arbeitsplatte Vorlagen einfach zu übertragen, kommt dem Bedürfnis der Schüler nach Realitätstreue in den oberen Klassen entgegen. Die Druckplatten können auch ohne Umdruck auf Papier als eigenständige Arbeiten präsentiert werden, indem Farbe in die Vertiefungen gewischt wird. In den unten angegebenen Linkhinweisen sind verschiedene Varianten und Möglichkeiten abrufbar.

Häufige Fehlerquellen und Problembereiche
Falscher Kraftaufwand beim Ritzen: Anfänger neigen oft dazu, entweder zu zaghaft zu ritzen – worin die Farbe später keinen Halt findet – oder mit zu viel Druck zu arbeiten. Bei Kunststoffplatten entsteht durch das Ausritzen ein seitlicher Grat. Dieser Grat hält die Farbe und erzeugt den typischen, weichen Strich der Kaltnadel. Wird die Rille jedoch nur flach „gemalt“, bleibt beim Drucken kaum Farbe haften.
Das Einfärben und Auswischen: Dies ist der kritischste Schritt im Unterricht. Die Druckfarbe muss tief in die Rillen eingearbeitet und anschließend von der Oberfläche abgewischt werden (meist mit Gaze, Tarlatan oder Zeitungspapier). Wischen die Lernenden zu stark, holen sie die Farbe wieder aus den Vertiefungen heraus – das Ergebnis wird blass. Wischen sie zu wenig, verschmiert das Motiv auf dem Papier.
Falsche Papierfeuchte: Tiefdruckpapier muss vor dem Drucken leicht angefeuchtet werden, damit es geschmeidig wird und sich unter dem Druck der Presse tief in die geritzten Rillen schmiegt. Ist das Papier zu trocken, nimmt es die Farbe nicht auf; ist es zu nass, verläuft die Farbe oder das Papier reißt.
Logistik und Raummanagement
Ein häufig unterschätztes Nadelöhr im Kunstunterricht ist die Druckpresse. Da meist nur eine Walzenpresse zur Verfügung steht, entstehen schnell Wartezeiten. Hier hilft ein klar strukturiertes Stationenlernen: Während eine Gruppe ritzt oder vorbereitet, färbt eine andere ein, und eine dritte druckt. Zudem verlangen die fettigen Druckfarben ein konsequentes Sauberkeitskonzept mit Schutzkleidung, Zeitschriften als Unterlage und biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln.
Trotz des erhöhten Aufwands bietet die Radierung Schülern eine wertvolle Erfahrung, da sie das Zusammenspiel von handwerklicher Präzision, Materialwiderstand und Druckgrafik unmittelbar erlebbar macht.
Ausführliche Anleitungen zum Thema gibt es in meinem Buch „Neue und alte Techniken der Radierung und Edeldruckverfahren. Ein alchemistisches Werkstattbuch für Radierer“, ISBN 9783982176505 – Weitere Infos dazu auch auf ➥Buchhandel.de
Inhalt:
- Grundausstattung (➥ Hier das erste Kapitel als PDF-Auszug zum Download)
- Aufbau im Unterrichtsraum
- Materialien und Techniken
- Druckfarbe
- Platinenradierung
- Umdruck einer Folienradierung
- Didaktische Randbemerkungen
Hilfreiche Kapitel zur Radierung im Unterricht
➥ Tetrapack – Milchtütenradierung
➥ Hinweise zum Drucken von Tiefdruckplatten
Cyanotypie im Unterricht
Besonders hinweisen möchte ich auf die unglaublich vielfältigen Möglichkeiten, die sich mit der Technik der Cyanotypie im Kunstunterricht ergeben
➥ Cyanotypie-Übersicht

Hier habe ich eine ➥ Liste mit Bezugsquellen für die genannten Chemikalien und Hilfsmittel zusammengestellt.
(M)ein Verzeichnis mit Fachliteratur zu den Techniken und Verfahren der Radierung, Tiefdruck, Cyanotypie und Edeldruck ist hier abrufbar: ➥ Literaturverzeichnis
- 📖 ➥ Materialien & Chemie Liste mit Bezugsquellen
- 📖 ➥ Fachliteratur – (M)eine Bücherliste
- 💸 ➥ Wege zum Buch
- 🕸 ➥ Sitemap / Inhalt
Update: 28. Juni 2026