Trockene Techniken – manuelle Radierverfahren ohne Ätzung

Die „trockenen Verfahren“ der Radierung bezeichnen Techniken, bei denen kein Ätzmittel wie Säure verwendet wird, sondern die Gestaltung durch manuelle mechanische Einwirkung auf die Druckplatte erfolgt. Die „trockenen“ Verfahren werden auch – in Abgrenzung zu den Ätzverfahren, bei denen ein Abdecklack aufgeschmolzen wird – als „kalte Verfahren“ bezeichnet. Die Bandbreite der Unterkapitel dieses Themengebietes reicht von den traditionellen manuellen Radier- und Tiefdruckverfahren wie der ‚Kalten Nadel‘ und Low‑Budget‑Ansätzen über Reliefverfahren bis zur computergesteuerten CNC-Radierung. Sie erhalten einen Überblick über die vielfältigen Methoden, wie man glatten Oberflächen Kratzer und strukturierte Oberflächen zufügen kann.

Die Kapitelübersicht

Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Metallplatte mechanisch – also ohne chemische Ätzung – mit einer Radiernadel geritzt wird. Wichtigster optischer Effekt: Die aufgeworfenen Grate halten die Druckfarbe, wodurch samtige, malerische Linien und warme Schwarzwerte entstehen. Je weicher das Metall, desto ausgeprägter der Effekt – allerdings leidet die Haltbarkeit der Druckplatte. Kupferplatten liefern in der Regel 20–30 gute Abzüge, während eine Verstahlung oder Verchromung die Stückzahl auf 50–100 erhöht. Kontrollen während der Arbeit lassen sich durch wiederholtes Einfärben und Betrachten im Spiegel durchführen – eine gepflegte, aber auch physisch herausfordernde Technik, bei der man sich vor scharfen Graten schützen sollte.

Kunststofffolien oder Kunstglas, oft aus dem Baumarkt, dienen als Druckträger. Diese Materialien sind besonders im schulischen Unterricht beliebt, da sie mit einfachen Werkzeugen bearbeitbar und billig sind (Cutter, Schere, Nagelradiernadel). Über Paustechniken lassen sich detailreiche Motive oder Schattenstrukturen erzielen. Auch der Ansatz, CD‑, DVD‑ oder OHP‑Folien zu verwenden, erweitert die experimentellen Möglichkeiten für Einsteiger und Jugendliche und führt an diese Kunstgattung heran.

Kaltnadelradierung auf Tageslichtfolie, eingefärbt mit Linoldruckfarbe,
Kaltnadelradierung auf Tageslichtfolie, eingefärbt mit Linoldruckfarbe,

Die Arbeit beruht auf ruhigem, gleichmäßigem Führen des Werkzeugs, die Hand liegt in der Regel auf einem Lederpolster. Hayter empfiehlt als Einstiegsübung Parallelschraffuren. Probeabzüge sind bei dieser Drucktechnik unproblematisch: Eine gut gestochene Kupferplatte erlaubt bis zu 800 Abzüge. Zink ist dafür ungeeignet, da es zu weich ist.

Sie eignet sich besonders für Präzisionsdrucke wie Banknoten oder Briefmarken, wird aber auch in der Buchillustration genutzt. Eine aufwändige Walzentechnik ermöglicht eine nahezu unbegrenzte Anzahl von Drucken. Seit der Entwicklung Anfang des 19. Jahrhunderts durch Jacob Perkins ist der Stahlstich in spezialisierten Bereichen noch bis heute im Einsatz.

Mit mechanischen „Kinderspielzeugen“ lassen sich regelmäßige Formstrukturen erzeugen, die den Mustern auf Banknoten ähneln. Hier sind diese Apparaturen beschrieben.

Die Technik ist ideal für pointillistische Tonabstufungen. Die Technik – ursprünglich als „Opus Mallei“ im 17. Jahrhundert von Janus Lutma entwickelt – wird mit speziellen Punktierhämmerchen ausgeführt, oder auf einer mit Schleifpapier bedeckten Unterlage.

Zink eignet sich nicht, bewährt haben sich Messing- oder Kupferplatten. Die Platte wird mit Wiegemessern „aufgeraut“, wodurch dichte, samtige Tiefschwarzflächen entstehen. Die Zeichnung entsteht anschließend durch Abschaben, Glätten und Abtragen von Material – plastisch und tonreich. Auch hier kann eine Härtung der Oberfläche die Anzahl der möglichen Abzüge steigern.

Reliefstrukturen entstehen durch mechanisches Bearbeiten (Sandstrahlen, Bohren, Kleben, Aufschmelzen von Kunstharz) von Metallplatten – oftmals mit Materialien wie Kies, Sand oder Acrylharz. Die resultierenden hochstrukturierten Druckplatten erzeugen plastische Motive auf voluminösem Papier. Carborundum wird mit Kunstharz kombiniert – eine Technik, die z. B. der Künstler Joan Miró für großformatige Arbeiten verwendete.

Durch mechanisches Körnen, Schleifen oder Strahlen mit Sand bzw. Carborund kann die Oberflächenstruktur gezielt bearbeitet und vorbereitend auf Ätzverfahren gestaltet werden. Sowohl gleichmäßige Aufrauung als auch struktureller Kontrast lassen sich so erzielen – optional auch kombiniert mit chemischem Anätzen.

Sie arbeiten jedoch teilweise nach Tiefdruckprinzipien. Beim Holzstich – meist in Hirnholz ausgeführt – bleiben Linien stehen, während umliegendes Material entfernt wird. Thomas Bewick erfand eine Technik, bei der quer zur Holzfaser gearbeitet wurde, um feinste Linien und Tonabstufungen zu ermöglichen, welche die Qualität des Kupferstichs erreichten. Im 19.Jahrhundert verbreitete sich diese Technik besonders im Buchdruck.

Mechanische oder chemische Einwirkungen auf die Platte erzeugen freie, unvorhersehbare Strukturen. Beispiele reichen von fallenden Nägeln, vergrabenen und korrodierten Druckplatten bis zu Lackmustern durch Decalcomanietechnik oder Tropftechniken. Diese aleatorischen Eingriffe ermöglichen gestalterisch freies Arbeiten – überraschend, spielerisch und individuell.

Die CNC-gesteuerte Radierung verwendet Computer, Nadeldrucker oder Plotter, um Digitales auf Metallfolien oder Kupferplatten zu übertragen. Mit Vektorgrafikprogrammen mit DXF-Export und CNC‑CAD-Systemen lassen sich reliefartige oder feine grafische Strukturen erzeugen – ideal zur Verbindung von digitaler Gestaltung und traditionellem Tiefdruck.

James McNeill Whistler (1834–1903) Weary 1863 Kaltnadel Quelle: commons
James McNeill Whistler (1834–1903) Weary 1863 Kaltnadel Quelle: commons

Quellen für Bildbeispiele und Kunstgeschichte

Im Internet gibt es zahllose Quellen mit Abbildungen zu den Radiertechniken und den manuellen, sowie zu den ’nassen‘ Radierverfahren. Eine ‚Radierung‘ muss nicht durch ein trockenes Verfahren entstanden sein – vielmehr sind gerade Radierungen oft durch eine Strichätzung oder eine Aquatinta (siehe ➥“Nasse Verfahren„) entstanden. Suchbegriffe sind: Kaltnadelradierung, Kupferstich, Mezzotinto, Stahlstich sowie die fremdsprachlichen Entsprechungen.

Im Kapitel „➥ Kunstgeschichte“ und besonders im Unterkapitel „➥ Bildbeispiele Radiertechniken“ sind Quellen für Bildbeispiele für die verschiedensten Radiertechniken gesammelt und nach Techniken und Themen sortiert.
Das Kapitel „➥ Radierer und Drucker“ enthält Verweise zu Kapiteln auf commons.wikimedia.org, sowie zu online abrufbaren Sammlungen von Museen und (Hochschul-)Bibliotheken.
Im Unterkapitel ➥ Literatur finden Sie Verweise auf Bücher und Webseiten mit Abbildungen. Empfehlenswert ist auch eine Recherche auf ➥ archive.org – wählen Sie dort den Menuepunkt „Texts“.


Update: 8.April 2026