Bau einer Camera Obscura für den Unterricht

„Nu – was is ’ne Camera Obscura? Da stellen wir uns mal janz dumm… Das is ’ne Schachtel mit ’nem Loch. Durch das kann ein bisschen Licht in die Schachtel fallen. Sitzt man nu in der dunklen Schachtel, sieht man auf der anderen Seite die Welt auf’m Kopf stehen.“ 1

Für die Erklärung, wie Fotografie funktioniert, hatte ich aus Pappkartons „Pinhole – Kameras“ hergestellt, die (zumindest für das Verständnis des Augenmodells) erstaunlich gut funktionieren – und aus einem großen Gerätekarton eine Camera Obscura gebastelt, in der zwei Grundschüler sitzen können. In meiner Schulzeit gab es an den Schulen noch einen „Filmraum“, den man mit speziellen Jalousien komplett verdunkeln konnte. Mein Physiklehrer hatte in die mittlere Jalousie ein Loch gebohrt – und so den gesamten Raum zur Camera Obscura „umgebaut“. Hat man dazu noch eine Linse aus der Kinderbrille weitsichtiger Schüler, wird’s schärfer.

Vorbemerkung zum Prinzip der Lochkamera

Gebaut ist so ein Gerät schnell. Geeignet ist zum Beispiel ein Schuhkarton etwa oder eine Chipsdose. Vorteil der letzteren: Hier kann in den Boden man mit einer  Reißzwecke oder Pin-Nadel ein Loch stechen – optimal ist ein Durchmesser von 1-2 Millimetern. Bei einer größeren Öffnung wird die Abbildung unschärfer, dafür kommt mehr Licht auf die Mattscheibe. Diese besteht aus Seidenpapier, Transparentpapier oder Vergleichbarem. Wichtig ist, dass das Material nur durchscheinend ist und nicht durchsichtig.


Modell I – Großer Karton als begehbare Camera Obscura

Die einfachste ➥Lochkamera (Pinhole-Kamera) ist ein großer Karton.
Sucht eine Kiste oder einen Karton, der groß genug ist, dass man sich darin bewegen kann und die so dicht ist, dass kein Licht hineinfällt. Macht an einer Stelle ein Loch und ihr habt auf der gegenüberliegenden Wand ein auf dem Kopf stehendes Abbild eurer Umgebung. Wenn ihr euch die Mühe macht, eine Vergrößerungslinse zu finden, deren Brennweite der Schachtelbreite entspricht, wird das Ergebnis noch besser.

Auf die dem Fenster abgewandte Innenseite klebst du ein weißes Papier, auf der gegenüber liegenden Seite machst du in die Mitte ein möglichst kreisrundes Loch mit einem Durchmesser von ca. 1 cm. Den Karton stellst du so ins Klassenzimmer, dass das Loch Richtung Fenster zeigt. Der Karton funktioniert als Lochkamera – genauso wie unser Auge die Welt durch die Pupille auf der Netzhaut (auf dem Kopf stehend) abbildet.

Ich hatte dazu einen Transportkarton so aufgeschnitten, dass ich ihn über ein Kind (oder sogar 2) stülpen konnte und diese im Karton sitzen konnten. Auf Seite war mittig ein rundes Loch mit ca 0,5 cm Durchmesser geschnitten, auf der Innenseite ein weißes Papier als Projektionsfläche angebracht.
Das Loch sollte möglichst scharfkantig geschnitten sein – man kann auch ein Klebeband über den Karton kleben und daraus das Loch stanzen – den Lochstreifen aus einem Schnellhefter oder eine Unterlegscheibe verwenden. Je präziser das Loch, desto besser wird die Abbildung.
Der Karton wurde nun so im Raum platziert, dass das Loch zur Fensterseite zeigt. Im Karton war somit das gegenüberliegende Fenster – und die davor befindliche Landschaft – auf dem Kopf stehend zu sehen sind. Damit das Bild hell genug erscheint, hatte ich einen hellweißen A2-Karton aus dem Kunstunterricht an die Innenseite geklebt.
Eine alte Brille mit 1,5 Dioptrien – vor das Loch gehalten – lässt das Bild noch schärfer erscheinen.

Camera Obscura aus einem großen Transportkarton, in dem 2 Kinder Platz haben. Bild erstellt mit KI. Achtung: In Wirklichkeit ist es in der Schachtel viiiiel dunkler. Aber das weiß die KI nicht - oder will nur ein nettes Bild erstellen. So ähnlich sah das aus. Sogar die Decke stimmt. ;-)
Camera Obscura aus einem großen Transportkarton, in dem 2 Kinder Platz haben. Bild erstellt mit KI. Achtung: In Wirklichkeit ist es in der Schachtel viiiiel dunkler. Aber das weiß die KI nicht – oder will nur ein nettes Bild erstellen. So ähnlich sah das aus. Sogar die Decke stimmt. ;-)

Anmerkung: Der „Eingang“ war bei meiner Version unten. Ohne Boden wird der Karton einfach über die Kinder gestülpt. Fettisch.


Modell II – Raum als Camera Obscura

James Ayscough A short account of the eye and nature of vision 1752 Quelle: Wikimedia Commons .Camera Obscura / Pinhole-Kameras
James Ayscough A short account of the eye and nature of vision 1752 Quelle: Wikimedia Commons. Camera Obscura / Pinhole-Kameras

Ihr könnt natürlich auch die Fenster eures Zimmers mit schwarzem Karton abdunkeln und an einer Stelle ein kleines Blendenloch (das Pinhole=Nadelloch) anbringen. Wenn ihr nun ihre Staffelei richtig postiert, habt ihr darauf ein getreues Abbild des Fensterausblicks.

Falls ihr bei der nächsten totalen Sonnenfinsternis (im Jahr 2081) dabei seid, lasst die Jalousien runter und schaut auf den Boden – das funktioniert natürlich auch bei der teilweisen Finsternis am 12.August 2026. Wir konnten bei der letzten Sonnenfinsternis auf dem Boden im Klassenzimmer unzählige Abbildungen von sich langsam verdunkelnden Sonnen sehen – weil die Jalousien an der Seildurchführung als Lochkameras fungierten ;-)=
Falls ihr das Klassenzimmer (oder den Physiksaal) lichtdicht abdunkeln könnt, schaut, ob die Jalousie bereits ein Löchlein aufweist, das sich für physikalische Demonstrationszwecke mit einer Rundscheibe vergrößern lässt. Oder klebt die Fenster mit schwarzer „Silofolie“ zu. Damit wird der gesamte Raum zur „Camera Obscura“.


Modell III – Dosenmodell

Für den Selbstbau von Lochkameras für Schüler sind Dosen für Chips geeignet. Im Vorlauf genügend Dosen sammeln lassen. In den Boden ein Loch bohren, Schwarze Pappe zur Röhre formen, über die Öffnung Butterbrotpapier als Mattscheibe spannen, mit einem Gummi befestigen und diese in die Dose stecken und als „Teleskopauszug“ nutzen. Funktioniert auch mit Konservendosen. Habe fertisch Kamera.


Modell IV – Unterlegscheiben-Modell

Camera Obscura aus Pappkarton mit Mattscheibe und "Pinhole-Linse aus einer Unterlegscheibe, Eigenes Bild © Wolfgang Autenrieth
Camera Obscura aus Pappkarton mit Mattscheibe und „Pinhole-Linse aus einer Unterlegscheibe, Eigenes Bild © Wolfgang Autenrieth

Vorderseite der Unterlegscheiben- Lochkamera. Eigenes Foto © Wolfgang Autenrieth
Vorderseite der Unterlegscheiben- Lochkamera. Eigenes Foto © Wolfgang Autenrieth

Vorne wird ein Loch geschnitten und eine Unterlegscheibe als „Objektiv“ festgeklebt. Auf die Rückseite kommt Butterbrotpapier als Mattscheibe. Fertig.


Modell V: Überstülp-Modell

Lochkamera aus Umzugskarton mit kleinerem Loch, gebohrt in Kunststoff. Eigenes Foto, © Wolfgang Autenrieth
Aufsetzbare Lochkamera aus Umzugskarton. Eigenes Foto. © Wolfgang Autenrieth

Lochkamera aus Umzugskarton mit kleinerem Loch, gebohrt in Kunststoff. Eigenes Foto, © Wolfgang Autenrieth
Lochkamera aus Umzugskarton mit kleinerem Loch, gebohrt in Kunststoff. Eigenes Foto, © Wolfgang Autenrieth

Auf der dem „Objektiv“ = der „Lochlinse“gegenüber liegenden Seite ist innen im Karton ein weißes Papier aufgeklebt, worauf das Bild projiziert wird. Die „Kamera“ wird auf den Kopf aufgesetzt, man sieht „rückwärts“ – und alles auf dem Kopf stehend.


Modell VI: Fresnell-Linse aus dem Tageslichtprojektor

Dazu wird nur die Fresnell-Linse aus dem Tageslichtprojektor vorn auf den Karton geklebt, auf die Rückseite Butterbrotpapier als Mattscheibe. Durch die große "Öffnung" der Linse ist diese sehr lichtstark.Eigenes Foto © Wolfgang Autenrieth
Dazu wird nur die Fresnell-Linse aus dem Tageslichtprojektor vorn auf den Karton geklebt, auf die Rückseite Butterbrotpapier als Mattscheibe. Durch die große „Öffnung“ der Linse ist diese sehr lichtstark. Eigenes Foto © Wolfgang Autenrieth

Es handelt sich dabei zwar nicht mehr um eine Lochkamera / Camera Obscura, aber damit lässt sich leicht und lichtstark (!!!) demonstrieren, wie das Auge die Welt „auf dem Kopf“ – und zudem seitenverkehrt sieht. Die Linse ist groß genug und – da sie aus Kunststoff besteht – fast unzerbrechlich.
Sicherheitshinweis: Bevor der Lehrer die Fresnell-Linse aus dem Tageslicht-Projektor holt – diesen vom Netz trennen, damit kein neugieriges Kind beim Auseinanderbau an die Hochspannung greift.
Ebenso wichtig: Man muss sich merken (oder am Rand markieren) was an der Linse oben und unten ist – sonst muss man (beim Rückbau der Linse) den OH-Projektor danach zwei Mal zusammenbauen ;-)

Besser ist es natürlich, wenn der Hausmeister so ein altes Ding kurz vor dem Entsorgen zum Zerlegen freigibt. Die Kondensor-Linse im Tageslichtprojektor ist – nebenbei bemerkt –  eine Sammellinse mit 8-10 cm Durchmesser und durch die somit erreichbare Lichtstärke prächtigst für Kameramodelle geeignet ;-)


Modell VII: Camera Obscura als „Zeichenmaschine“

Camera Obscura: An artist drawing from life um 1850 Quelle: Wikimedia Commons
Camera Obscura An artist drawing from life um 1850 Quelle: Wikimedia Commons

Hier eine Darstellung einer bereits mit Optik und Umlenkspiegel ausgestatteten „Camera Obscura“, mit der im 19. Jahrhundert „nach der Natur“ gezeichnet werden konnte. Eventuell legten sich die Zeichner zur Abschirmung vor Streulicht ein Tuch über den Kopf.
Um eine möglichst hohe Lichtstärke zu erreichen, muss das Objektiv einen großen Durchmesser besitzen. Hier können die Objektive von ausgemusterten Tageslichtprojektoren beim Selbstbau gute Dienste leisten.


Camera Obscura aus Nudelsieb

Das Bild erklärt sich selbst ;-)

Ein Nudelsieb fungiert bei der Sonnenfinsternis als schnelle "Camera Obscura"
Ein Nudelsieb fungiert bei der Sonnenfinsternis als schnelle „Camera Obscura“. Bild KI-generiert

Bau einer Camera Obscura aus PVC-Rohr

Heute Nachmittag musste ich doch noch eine Camera Obscura bauen – die Sonnenfinsternis-Brillen sind in den unendlichen Weiten des Lehrerfundus verschollen. Also denn…

Material

  • Rest vom Abzugsrohr aus der Küche
  • Reststück KG-Rohr aus der Wasserinstallation
  • 3 Klebestäbe aus der Heißklebepistole
  • 1 Restrolle altes Krepp-Klebeband
  • Panzertape
  • 6 Metallschrauben 3×6
  • 1 Stück Restkarton
  • 1 Unterlegscheibe
  • 1 Stück Transparentpapier
  • 4 Kabelbinder
  • 1 Fotostativ
  • 1 Linse aus dem Kondensor eines ausragierten OHP (optional)
Camera Obscura aus KG-Rohr zur Beobachtung der Sonnenfinsternis © Wolfgang Autenrieth
Camera Obscura aus KG-Rohr zur Beobachtung der Sonnenfinsternis © Wolfgang Autenrieth

Belichten mit Pinhole-Kamera

Die Lochkamera muss man – um auf Film belichten zu können – in der Dunkelkammer mit großformatigem Negativ-Filmmaterial bestücken. Bei Verwendung von normalem Fotopapier entsteht ein Negativ als Ergebnis – weil das Material proportional zum Lichteinfall geschwärzt wird. Man kann sich jedoch auch damit zufrieden geben (was auch einen eigenen Reiz hat).

Nimmt man Planfilm, Röntgenfilm oder Lithfilm muss das Procedere des Filmwechsels entweder im „Dunkelkammerzelt“ erfolgen. Als Alternative bereitet man für die Rückwand der Kamera austauschbare Kassetten vor, die einen Schieber zur Vermeidung eines Lichteinfalls besitzen.

Hat man Planfilm verwendet, kann dieser auch zum Belichten von ➥ Cyanotypien oder anderer Edeldruckverfahren Verwendung finden.

Wie man mit einer Kamera oder Camera Obscura Cyanotypien belichten kann, ist im ➥ Kapitel „Neue Cyanotypie / Porphyrographie beschrieben


Lochkamera perfekt

Zum Bau der „perfekten“ Lochkamera gibt es den „Lochkamera-Rechner“: ➥ http://www.die-lochkamera.de/f_rechner.htm . Auf dieser Webseite finden sich auch weiterführende Linkhinweise und mehr. Auf der Unterseite ist eine Tabelle für Belichtungszeiten enthalten: ➥ http://www.die-lochkamera.de/f_licht.htm
Auf der Website ➥ http://www.mrpinhole.com/ kann man die idealen Maße für eine Lochkamera berechnen lassen.

Linktipps

Fußnoten

1 Dies ist eine kleine Reminiszenz an die „Dampfmaschin'“ aus der „Feuerzangenbowle“ von 1944. Wegen des respektlosen Umgangs mit Autoritäten versuchten NS-Funktionäre den Film zu verbieten, was Rühmann durch seine guten Kontakte jedoch verhindern konnte.

 


Update: 14. Juli 2026