Direktes Zeichnen in Vernis mou / Weichgrund

Für die Zeichnung auf Weichgrund wird die Druckplatte mit einem wachsartigen Überzug versehen, der sich leicht von der Druckplatte ablösen lässt. Dies geschieht entweder durch direktes Zeichnen, oder dadurch, dass ein Zeichenpapier auf die Platte gelegt wird und man darauf zeichnet. Auf der Rückseite des Papiers bleibt dadurch der „Vernis mou“ haften und die Stelle wird auf der Druckplatte für die Ätzung freigelegt.


Vorzeichnung für Vernis Mou

Zeichnen Sie mit einem weichen Bleistift auf der gereinigten, nicht entfetteten Platte vor oder pausen Sie eine Zeichnung mit Kohlepapier auf die Platte auf. Damit der Graphit besser hält, können Sie die Platte durch Anätzen leicht anrauen. Nach dem ➥Abdecken mit Weichgrund ist die Zeichnung durch den Abdecklack hindurch sichtbar und Sie können die Platte mit der Nadel oder anderen Werkzeugen freilegen. In der Regel arbeiten Sie jedoch indirekt – auf einem über die Platte gelegten Papier (siehe ‚➥Indirektes Zeichnen in Vernis mou‘. Beim Zeichnen haftet der Weichgrund durch den Druck auf der Papierrückseite und lässt sich auf diese Weise von der Platte abheben.

Weichgrund-Ätzung in Spray-Skiwachs Wolfgang Autenrieth, "Mondnacht", Gräser, Korken und Papiertücher, © Wolfgang Autenrieth 1982
„Mondnacht“, Weichgrundätzung in Spray-Skiwachs, Gräser, Korken und Papiertücher, ©Wolfgang Autenrieth 1982

Zeichnen / Stupfen / Drücken / Federzeichnungsmanier

Weil Sie die Platte nicht anfassen können, sind Sie gezwungen, mit sehr freiem Strich zu zeichnen. Eine Radierbrücke leistet hier gute Dienste. Eine Radierbrücke ist eine schmale, meist aus Holz oder Acrylglas gefertigte Leiste, die an beiden Enden durch kleine Klötze so erhöht ist, dass sie die Druckplatte überspannt, ohne deren Oberfläche zu berühren. Die Herstellung erfolgt, indem zwei hölzerne Abstandshalter unter die Enden einer stabilen Schiene geleimt werden, wobei die Höhe so gewählt wird, dass die Hand des Künstlers bequem darauf ruhen kann. Diese Konstruktion dient dazu, die empfindliche Wachsschicht (den Ätzgrund) beim Zeichnen vor dem versehentlichen Verwischen oder vor Körperwärme zu schützen.

Geeignete Werkzeuge

In den Vernis mou können Sie mit Zeichenfedern, Rohr- oder Kielfedern direkt zeichnen. Damit lässt sich der Duktus einer Federzeichnung auf die Druckplatte übertragen. Als Radierwerkzeuge können auch sehr weiche Gegenstände dienen: Knochen, Holzspäne, Kaktusdornen, Leder-, Horn- oder Metallkämme.
Arbeiten Sie mit sehr weichem Werkzeug, das zwar den Lack, aber keinesfalls die Plattenoberfläche verletzt, können Sie unerwünschte Zeichnungsteile wieder mit Lack überdecken bzw. verschmieren. Die Zeichnung wird erst mit der Ätzung auf der Platte fixiert. Breitere Striche müssen, damit sie druckbar sind, vor der Ätzung mit einer Aquatintakörnung versehen werden.

Weichgrund-Ätzung: Baumstruktur, Borstenpinsel, ©Wolfgang Autenrieth 1982
Baumstruktur, Borstenpinsel in Weichgrund, ©Wolfgang Autenrieth 1982

Pinselzeichnung in Vernis mou

Reizvolle Ergebnisse erhalten Sie, wenn Sie mit Borstenpinseln unterschiedlicher Strichstärke in den Vernis Mou / Weichgrund malen oder stupsen. Für größere Flächen können Sie auch einen Besen verwenden. Dieses Stupsen kann durch Schablonen hindurch erfolgen. Die Schablone darf dabei jedoch keinen direkten Kontakt mit der Plattenoberfläche haben, weil dies unbeabsichtigte Verletzungen der Lackschicht ergibt. Eine unterlegte Aquatinta ist empfehlenswert, damit die Striche nicht „ausbrechen, falls sie zu eng nebeneinander liegen oder sich kreuzen und somit Flächen freigelegt werden.


Schabloniertechnik mit Weichgrund

Schablonen schneiden Sie mit einem Skalpell aus einer starken Pappe. Legen Sie Drähte bzw. Holzleistchen als Abstandshalter quer darunter. Die Schablone darf die Platte nicht berühren, da sie sonst den Weichgrund beschädigt.


Bleistiftradierung

Mit einem Bleistift zeichnet man wie mit einer Radiernadel auf einem Papier, das über einem dünnen Ätzgrund / Weichgrund gelegt ist. Der Weichgrund wird abgehoben, die Papierstruktur ergibt das Raster. Das Ergebnis wird wesentlich weicher.


Künstler des Vernis Mou

Die Technik des Vernis mou ermöglichte es Künstlern, die haptische Qualität von Kreidezeichnungen oder die feinen Texturen von Textilien direkt in die Radierung zu übertragen. Ein Pionier dieser Technik war Thomas Gainsborough im 18. Jahrhundert. Er nutzte den Vernis mou, um seine Landschaftsskizzen zu reproduzieren, wobei die Drucke die Körnigkeit und Spontaneität einer Graphitzeichnung fast perfekt imitierten.

Im späten 19. Jahrhundert griff Félicien Rops die Methode auf, um morbide und symbolistische Themen darzustellen. Er kombinierte den Weichgrund oft mit anderen Techniken, um eine dichte, beinahe unheimliche Atmosphäre zu schaffen, die die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischt. Auch Käthe Kollwitz nutzte den Vernis mou meisterhaft. In ihren sozialkritischen Werken setzte sie Textilien auf den weichen Grund, um schwere, stoffliche Strukturen zu erzeugen. Dies verlieh ihren Darstellungen von arbeitenden Menschen eine unmittelbare, physische Schwere und emotionale Tiefe.

Heute wird die Technik oft für experimentelle Zwecke genutzt, um natürliche Materialien wie Blätter oder Spitzen direkt in die Metallplatte zu prägen und so eine organische Ästhetik zu erzielen. Da der Ätzgrund weich bleibt, reagiert er auf den geringsten Druck, was zu einer weichen, malerischen Linienführung führt.


Synonyme / Bezeichnungen für Weichgrund

Weichgrundätzung (dt.) – Vernis mou (frz.) – Soft ground etching (engl.) – Vernice molle (ital.) – Lágyalap (ungar.)


Update: 11.April 2026