Aleatorische Verfahren – Zufallstechniken für die Gestaltung
Zufallstechniken (aleatorische Verfahren) erzeugen interessante grafische Gestaltungen mit oder ohne Abdecklack – die entweder für sich selbst stehen oder weiter ausgedeutet werden können. Zufallstechniken in der Druckgrafik nutzen unvorhersehbare chemische oder mechanische Prozesse, wie das Aufstreuen von Salz in den feuchten Ätzgrund oder das unkontrollierte Verlaufen von Farbe, um organische Strukturen zu erzeugen. Bei der Monotypie oder dem Materialdruck wird der Zufall oft durch die Platzierung von Fundstücken oder das spontane Klatschen von Farbeflächen provoziert, wodurch einzigartige, nicht exakt wiederholbare Abdrücke entstehen. Auch die Aquatinta erlaubt experimentelle Variationen, indem Staubpartikel oder Harze unterschiedlich dicht aufgeschmolzen werden, was zu nuancierten, zufällig anmutenden Grauwerten und Texturen führt.
Mechanische Methoden
- Glasscheiben, Nägel oder Eisenstücke auf die Platte fallen lassen
- Bleischrot aufschießen / Fallen lassen / Schütteln im Kasten
- Platte hinten ans Auto binden, über Asphalt ziehen
- Platte vergraben, nach Jahren wieder ausbuddeln
- Tiere auf die Platte setzen, laufen/kratzen lassen (evtl. auf Weichgrund)
- Abdecklack wischen

Diese Radierung ist eine Gemeinschaftsproduktion mit Emil, meinem Zimmergenossen während des Studiums. Ich hatte die Platte als Vernis-Mou vorbereitet, Emil darauf gesetzt und darauf geachtet, dass er die Platte bearbeitete. Geätzt und gedruckt habe ich die Radierung – Emil wäre dies schwergefallen, denn er war ein „Deutscher Widder“ – ein Hase.
Grüße an Beuys! Fell- und Krallenspuren sind deutlich zu erkennen.
Zufall im Korn der Aquatinta
In der Radierung ist die Aquatinta das klassische Verfahren für Flächen. Für aleatorische Wirkungen / Zufallstechniken wird feiner Kolophoniumstaub oder Asphaltpulver über der Platte aufgewirbelt. Dieser Staub sinkt dann ungleichmäßig herab. Beim Erhitzen schmelzen die Partikel fest. Je nachdem, wie „wolkig“ der Staub aufgetragen wurde, entstehen beim Ätzen malerische Tonwerte, die von zarten grauen Schleiern bis zu tiefschwarzen, körnigen Strukturen reichen. Das Korn kann auch durch Erschütterung der Platte, Auflegen auf einen Lautsprecher und andere Methoden aus der gleichmäßigen Verteilung „geschüttelt werden.
Chemische Marmorierung und Patinierung
Hierbei nutzt man die unkontrollierte Reaktion von Chemikalien auf der Metalloberfläche. Säuren, Chloride oder Sulfate werden nicht gleichmäßig aufgetragen, sondern aufgetropft, gespritzt oder mit Substanzen wie Sägemehl oder Meersalz vermischt auf die Platte aufgetragen. Die Kapillarwirkung und die unterschiedliche Konzentration der Stoffe erzeugen organische Muster, Farbhofbildungen und „Blumen“, die durch anschließende ätzung chemisch im Metall „fixiert“ werden. Bei Kupfer und Messing entstehen so pseudonatürliche Strukturen.
- Lack durch Lösungsmittel an-/auflösen
- Lack durch Hitze anschmelzen
Sprengtechnik und Abdecklack-Experimente
Ähnlich wie beim Action Painting wird hier mit dem Widerstand gegen die Säure gespielt. Ein flüssiger, säurefester Lack wird auf die Platte geschleudert, getropft oder mit einem Strohhalm verpustet. Alternativ kann eine Platte mit Fett oder Öl bespritzt werden, bevor ein wasserlöslicher Lack darübergegossen wird (Abstoßungseffekt). Beim anschließenden Ätzbad werden nur die ungeschützten Stellen angegriffen. Es entstehen dynamische, spritzerartige Muster.
Eine Vorbreitung mit Aquatinta ist dabei empfehlenswert – oder es werden nur die Konturlinien der gedeckten Flächen gedruckt
- Abdecklack durch Decalcomanie von Zeitschriftenoberfläche ablösen
- Abdecklack auf Wasseroberfläche geben, Druckplatte schwimmend auflegen und so den Lack ‚absaugen‘
- Strukturierte Oberfläche mit Abdecklack einwalzen und umklatschen
- Flüssigen Lack mit Trinkhalm über die Platte pusten
- Faden entweder in Lack legen und nach dem Trocknen abziehen oder in Lack tauchen und so den Abdecklack auf die Platte übertragen
- Tropfenmalerei
- Nass in Nass – Lack und Wasser mischen (Prinzip der Abstoßung)
- Malen mit Seifenblasen
- Zerknülltes Papier (Papiertaschentücher) drücken, stupfen
- Murmelbilder
Gesteuerter Zufall per vernis Mou
Im weichen vernis Mou können durch Wischen, Stupfen, Kratzen oder durch Abformung strukturierter Oberflächen Abhebungen erfolgen, an denen anschließend die Säure angreifen kann und daraus Bildastrukturen erzeugt.

Update: 11.April 2026