Anthotypie: Belichten mit Pflanzensaft

Geschichte der Anthotypie

Das Wort Anthotyie stammt von anthos (griech.) = “Pflanze,Blüte” und typie = “drucken”
Henri August Vogel in Paris bemerkte 1816, dass alkoholische Auszüge von Klatschmohn, Waldveilchen oder roten Nelken hinter blauem Glas nach mehreren Tagen ausbleichen, während sie hinter rotem Glas ihre Farbe behielten – genauso wie Papier oder Baumwolle, die damit eingefärbt waren.[1]

Als Sir John Herschel im 19.Jahrhundert nach Möglichkeiten für farbige Fotografien forschte, befasste auch er sich mit der Anthotypie und veröffentlichte seine Ergebnisse. Nachdem sich wegen der extrem langen Belichtungszeiten der Anthotypie keine kommerzielle Verwertung ergab, verfolgte er diese Richtung nicht weiter.

Verfahren

Manche Pflanzensäfte (bzw. deren alkoholische Auszüge) reagieren auf Licht durch Farbveränderung.
Erwähnt werden verschiedene Pflanzensorten, stark reaktiv sind wohl diejenigen, die ➥ Anthocyane enthalten wie

  • Klatschmohn
  • gelbe Chrysanthemen
  • Stiefmütterchen
  • dunkelrote Dahlien (gut lichtempfindlich)
  • Ringelblumen (sehr lichtempfindlich -soll bereits nach 15 Minuten reagieren)

Auch erwähnt werden

  • Blaubeere
  • Himbeere
  • Nelke
  • Waldveilchen
  • Brunnenkresse soll bereits nach 3-5 h Belichtungszeit gute Ergebnisse zeigen
  • Brombeere bringt gute Resultate
  • rote Rosen
  • Pfingstrose
  • Kapuzinerkresse
  • Holundersaft
  • Rotkohl
  • Rotwein (kann direkt aufgetragen und belichtet werden, ebenfalls “kurze” Belichtungszeit – also weniger als 12 h)

Die Pflanzen/Blüten werden zermahlen (Mörser, Mixer,…) und die Farbstoffe extrahiert. Gibt man Seesand / Quarzsand oder Calciumcarbonat hinzu, wird die Mahlung feiner. Beim Filtrieren bleibt diese Zugabe dann zurück.
“Beim Mörsern mit dem Seesand brichst Du ja die Zellwände auf und spätestens, wenn du Lösungsmittel zugibst, werden auch die Zellmembranen zerstört und es werden verschiedene Säuren frei, die Deine Farbstoffe verändern könnten. Calciumcarbonat reagiert einfach mit den freiwerdenden Säuren und hat den Vorteil, dass es nicht wasserlöslich ist und somit alleine nicht alkalisch wirkt.”[2]

Als Extraktionsmittel werden angegeben:

  • Destilliertes Wasser
  • Reiner Alkohol
  • Wodka
  • Feuerzeugbenzin
  • Lampenöl
  • Paraffinöl
  • Olivenöl
  • Rapsöl
  • Aceton

Nach mehreren Tagen an einem warmen, dunklen Ort wird filtriert. (Kaffeefilter, Baumwolltuch …)
Die Belichtungszeit für Anthotypie – Fotogramme beträgt im Sonnenlicht mehrere Tage – die Bilder sind nicht lichtbeständig. Das Prinzip der Belichtung beruht darauf, dass der Farbstoff der Pflanze unter UV-Lichteinwirkung ausbleicht. Beschichtet wird saugfähiges Papier mit Pinsel oder durch Tunken in die Lösung.

Belichtet wird unter einem Gegenstand als Fotogramm. Möglichkeiten dazu habe ich ➥ hier beschrieben.

Randbemerkung

In der Schule hatte ich die Tuschezeichnung einer Schülerin aus dem Kunstunterricht auf dunkelblauem Tonpapier aufgelegt und im Bilderrahmen auf dem Flur ausgestellt. Der Rahmen hing an einer hellen, von der Sonne beschienenen Stelle. Nach 2 Jahren war das Tonpapier ausgeblichen. Als ich die Zeichnung vom Tonpapier abhob, war die Tuschezeichnung als Negativ auf dem Tonpapier sichtbar. Die Tusche hatte das Sonnenlicht abgehalten und das Papier war an diesen Stellen nicht gebleicht, sondern dunkelblau geblieben.

Links

Fußnoten

  1. http://en.wikipedia.org/wiki/Anthotype
  2. http://www.chemieonline.de/forum/archive/index.php/t-61816.htm

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Quellenangabe für Zitate:
Wolfgang Autenrieth: Neue und alte Techniken der Radierung und Edeldruckverfahren
Gekürzte Onlineausgabe: https://wp.radiertechniken.de/edeldruckverfahren-iii/anthotypie/- gesehen am:


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